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Marzahn-Hellersdorf Geschichte: Vom Angerdorf zur größten Platte Europas

Von Torsten Noack | 12. Juni 2026
Marzahn-Hellersdorf Geschichte: Vom Angerdorf zur größten Platte Europas © Bundesarchiv, Bild 183-1988-0309-300 / Thomas Uhlemann (1988), CC BY-SA 3.0 de / Wikimedia Commons
Das historische Angerdorf Alt-Marzahn 1988, umgeben von den Neubauten der DDR-Großsiedlung. Bis heute steht der mittelalterliche Dorfkern unter Denkmalschutz.

Wer in Marzahn-Hellersdorf an Geschichte denkt, denkt meist an die Platte. Doch mitten zwischen den elfgeschossigen Wohnscheiben liegt ein vollständig erhaltenes märkisches Angerdorf mit Feldsteinkirche, Bockwindmühle und Dorfteich. Alt-Marzahn ist über 700 Jahre alt, gut vier Jahrzehnte älter als die jüngste Großsiedlung, die sich darum herumlegte.

Kaum ein anderer Berliner Bezirk vereint solche Gegensätze: mittelalterliche Bauerndörfer und die größte Plattenbausiedlung Europas, Gutsschlösser der Gründerzeit und Rieselfelder, auf denen die Nationalsozialisten ein Zwangslager errichteten. Diese Chronik führt vom ersten Pergament des Jahres 1300 bis zu den Gärten der Welt und den Stadtumbauplänen von heute.

Was dich erwartet

1300: Morczane, das erste Pergament

Die schriftliche Geschichte des Bezirks beginnt am 19. November 1300. An diesem Tag bestätigte Markgraf Albrecht III. in einer Urkunde dem Nonnenkloster Friedland Besitz in einem Dorf, das als "Morczane" bezeichnet wurde. Aus diesem Namen wurde im Lauf der Jahrhunderte Marzahn.1

Marzahn war von Anfang an ein typisches märkisches Angerdorf: Die Bauernhöfe und der Hof des Dorfschulzen gruppierten sich um einen langgestreckten, offenen Dorfanger mit Teich und Kirche. Dieser Grundriss aus der Zeit der deutschen Ostsiedlung im 13. Jahrhundert ist in Alt-Marzahn bis heute ablesbar.2

Schon 1375 nennt das Landbuch Kaiser Karls IV. den Ritter Johannes von Wulkow als wichtigsten Grundherrn von Marzahn. Ab 1412 saß über rund zwei Jahrhunderte die Familie von Lindenberg auf dem Dorf, die zeitweise auch das benachbarte Biesdorf besaß.3

Die Dörfer der Mark: Mahlsdorf, Kaulsdorf, Hellersdorf, Biesdorf

Marzahn ist nur eines von mehreren Dörfern, aus denen der heutige Bezirk gewachsen ist. Die anderen tauchen wenig später in den Urkunden auf und bilden bis heute eigene Ortsteile mit erhaltenen Dorfkernen.

Mahlsdorf 1345 und Kaulsdorf 1347

Mahlsdorf wurde 1345 erstmals erwähnt, in einem Lehnsbrief des Markgrafen Ludwig des Älteren. Nur zwei Jahre später, 1347, erscheint Kaulsdorf als "Caulstorp" in einer Schenkungsurkunde desselben Markgrafen an die Kalandsbrüder von Bernau.4

Die Feldmark Hellersdorf, die dem späteren Bezirk seinen zweiten Namen gab, wird 1375 im Landbuch Karls IV. fassbar. Hellersdorf blieb über Jahrhunderte das kleinste und ärmste dieser Dörfer und gehörte lange zum Gut Kaulsdorf.5

Biesdorf, Reformation und kirchliche Ordnung

Biesdorf, urkundlich seit dem 14. Jahrhundert belegt, wurde nach der Reformation kirchlicher Mittelpunkt der Gegend. Marzahn war zunächst Filiale von Biesdorf, später von Friedrichsfelde. Die Feldsteinkirchen von Marzahn, Mahlsdorf und Kaulsdorf gehen in ihrem Kern auf das späte Mittelalter zurück.6

Fünf Dörfer, ein Bezirk

Marzahn, Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Hellersdorf gehören zu den ältesten Siedlungskernen im Berliner Osten. Alt-Marzahn steht seit 1977 als komplettes märkisches Angerdorf unter Denkmalschutz, ein seltener Glücksfall mitten in der späteren Großsiedlung.

Dreißigjähriger Krieg und Pfälzer Siedler

Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) traf die Dörfer schwer. Eine Aufstellung von 1652 verzeichnete in Marzahn nur noch fünf bewirtschaftete Kossätenstellen und keinen einzigen voll besetzten Bauernhof mehr. Das Land lag teilweise wüst.7

Nach dem Krieg legte der brandenburgische Landesherr die Grundlage für den Wiederaufbau. 1657 erwarb Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, Marzahn als Domäne. Bis 1872 blieb das Dorf weitgehend landesherrlicher Besitz.8

Einen tiefen Einschnitt brachte das Jahr 1764. Die Domänenverwaltung siedelte 19 Familien pfälzischer Kolonisten in Marzahn an, um die Landwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Eine Tafel an der Dorfkirche erinnert bis heute an diese Pfälzer Siedler, die das Dorf demografisch neu prägten.9

Rieselfelder, Eisenbahn und Schloss Biesdorf

Im 19. Jahrhundert blieben die Dörfer zunächst agrarisch, gerieten aber immer stärker in den Sog des wachsenden Berlin. Zwei Entwicklungen veränderten die Landschaft grundlegend.

Die Rieselfelder ab 1867

Um die hygienischen Verhältnisse der Millionenstadt Berlin zu verbessern, ließ der Stadtbaurat James Hobrecht ab 1867 ein System von Rieselfeldern anlegen, auf denen die Abwässer Berlins versickerten und das Land düngten. Große Flächen rund um Marzahn, Hellersdorf und Kaulsdorf wurden zu solchen Rieselfeldern. Sie prägten das Gebiet bis weit ins 20. Jahrhundert und blieben über Jahrzehnte unbebaubar.10

1871 wurde in Marzahn eine neue Dorfkirche geweiht, deren Entwurf dem Umkreis des Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler zugeschrieben wird. 1898 erhielt Marzahn an der Wriezener Bahn einen eigenen Haltepunkt, der das Dorf an das Berliner Eisenbahnnetz anband.11

Gründerzeit-Villen und Schloss Biesdorf

Mahlsdorf und Kaulsdorf entwickelten sich um die Jahrhundertwende zu beliebten Villen- und Landhauskolonien für betuchte Berliner. In Biesdorf entstand 1868 ein herrschaftliches Schloss, das Hans Hermann Freiherr von Rüxleben errichten ließ.12

1887 erwarb die Familie Siemens Gut, Schloss und Park Biesdorf. Werner von Siemens und sein Bruder Carl nutzten das Anwesen, bis es 1927 an die Stadt Berlin ging. Heute ist das restaurierte Schloss Biesdorf ein öffentliches Zentrum für Kunst und Kultur.13

1920: Eingemeindung nach Groß-Berlin

Am 1. Oktober 1920 trat das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft, das die Hauptstadt durch Eingemeindung von Städten, Landgemeinden und Gutsbezirken auf einen Schlag vervielfachte. Marzahn, Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Hellersdorf verloren ihre Selbstständigkeit und kamen zum neuen Verwaltungsbezirk Lichtenberg.14

Die Dörfer blieben in den 1920er und 1930er Jahren dennoch ländlich geprägt. Zwischen den Feldern und Rieselflächen entstanden Klein- und Siedlergärten, deren Vereinswesen die Bevölkerung über Generationen prägte. Von der dichten Berliner Innenstadt war dieser östliche Rand noch weit entfernt.

NS-Zeit: Das Zwangslager Marzahn

In der Geschichte des Bezirks steht ein Ort für die Verbrechen des Nationalsozialismus besonders deutlich. Auf einem Rieselfeld am Rand von Marzahn, nahe dem Friedhof, richteten die Behörden im Frühsommer 1936 ein Zwangslager für Sinti und Roma ein.15

Anlass waren die Olympischen Sommerspiele 1936. Im Vorfeld der Spiele sollte das Stadtbild Berlins "gesäubert" werden. Am 16. Juli 1936 trieb die Polizei rund 600 Sinti und Roma auf das Gelände, das die Nationalsozialisten zynisch als "Rastplatz" bezeichneten.16

Für hunderte Menschen gab es auf dem Rieselfeld nur zwei Toiletten und drei Wasserstellen.
Zu den hygienischen Verhältnissen im Lager Marzahn 1936

Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Brunnen ließen sich wegen der Nähe zu den Rieselfeldern nicht graben, das Wasser war verseucht. Im Frühjahr 1943 begannen von Marzahn aus die Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Zu den Opfern des Lagers gehörten mindestens 60 Kinder und Jugendliche.17

Seit 1986 erinnert eine jährliche Gedenkveranstaltung an die Verschleppung der Berliner Sinti und Roma. Ein Gedenkstein und später eine Gedenkstätte am Standort halten die Erinnerung an dieses Kapitel wach.18

Kriegsende 1945 und sowjetischer Sektor

Im April 1945 erreichte die Rote Armee bei ihrem Vormarsch auf Berlin die östlichen Dörfer als erste. Anders als die dicht bebaute Innenstadt kamen Marzahn und die umliegenden Dörfer vergleichsweise glimpflich durch die Kämpfe, einzelne Höfe und die Kirchen wurden jedoch beschädigt.19

Nach der Aufteilung Berlins in Besatzungssektoren lag das spätere Bezirksgebiet vollständig im sowjetischen Sektor. Ab 1949 gehörte es damit zu Ost-Berlin und zur DDR, verwaltet weiterhin als Teil des Großbezirks Lichtenberg.20

Über zwei Jahrzehnte änderte sich wenig. Zwischen Rieselfeldern, Gärtnereien und den alten Dorfkernen lebte man ländlich, während Ost-Berlin an anderer Stelle mit dem Wohnungsbau begann. Erst Mitte der 1970er Jahre rückte Marzahn ins Zentrum der DDR-Wohnungspolitik.

Ab 1977: Die größte Plattenbausiedlung Europas

Die DDR-Führung hatte 1973 ein gewaltiges Wohnungsbauprogramm beschlossen, das die Wohnungsfrage bis 1990 lösen sollte. Für eine neue Großsiedlung im Berliner Osten fiel die Wahl auf die weiten, frei bebaubaren Rieselfelder rund um das Dorf Marzahn.21

Grundsteinlegung 1977

Am 11. April 1977 begann die Brigade Adolf Dombrowski mit dem Ausschachten, am 8. Juli 1977 wurde die erste Platte gesetzt. In den folgenden gut 15 Jahren entstand rund um den alten Dorfanger im industriellen Plattenbau eine komplett neue Stadt. Die letzten Baustellen verschwanden erst 1992.22

Marzahn wuchs zur größten Siedlung in industrieller Plattenbauweise auf dem Gebiet der DDR. Hunderttausende Menschen zogen in moderne Wohnungen mit Fernwärme, Bad und Aufzug, ein damals enormer Komfortgewinn gegenüber den maroden Altbauten der Innenstadt. Die Einwohnerzahlen schnellten in die Höhe.

Eine Stadt auf dem Reißbrett

Auf ehemaligen Feldern und Rieselflächen wuchs in nur 15 Jahren eine ganze Stadt heran. Marzahn entwickelte sich zur größten Plattenbausiedlung Europas, mit einem Mietwohnungsbestand, der noch heute das Gesicht des Bezirks bestimmt.

Eigene Bezirke 1979 und 1986

Die Verwaltung zog mit. Am 5. Januar 1979 wurde Marzahn aus Lichtenberg herausgelöst und zum eigenständigen Stadtbezirk Ost-Berlins erhoben. Als die Siedlung weiter nach Süden wuchs, folgte am 1. Juni 1986 die Ausgliederung des Stadtbezirks Hellersdorf, kurz darauf kam 1986 noch Hohenschönhausen als eigener Bezirk hinzu.23

Die Berliner Gartenschau 1987

Zur 750-Jahr-Feier Berlins eröffnete am 9. Mai 1987 am Fuß des Kienbergs die Berliner Gartenschau. Auf rund 21 Hektar entstand nach Plänen des Ost-Berliner Gartendirektors Gottfried Funeck ein Gegenstück zum West-Berliner Britzer Garten. Aus dieser Anlage gingen später der Erholungspark Marzahn und die Gärten der Welt hervor.24

Nach 1990: Wende, Leerstand und Stadtumbau

Die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung 1990 trafen die junge Großsiedlung mit voller Wucht. Viele Bewohner zogen fort, ins Umland oder in sanierte Altbauten. Leerstand machte sich breit, und die Platte geriet in den Ruf eines sozialen Brennpunkts.25

Der Senat reagierte mit einem groß angelegten Umbauprogramm. 2002 wies Berlin mit Marzahn-Hellersdorf sein größtes Stadtumbaugebiet aus. Mit Mitteln aus dem Programm "Stadtumbau Ost" wurden hunderte Wohnungen zurückgebaut, einzelne Hochhäuser abgerissen oder abgesenkt, das Wohnumfeld begrünt und aufgewertet.26

Parallel verwandelten sich die Gärten der Welt zum Aushängeschild. Ab den späten 1990er Jahren entstanden Themengärten, beginnend mit dem Chinesischen Garten, der im Oktober 2000 eröffnete. Es folgten ein japanischer, ein balinesischer und ein orientalischer Garten.27

2001: Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf entsteht

Im Zuge der Berliner Bezirksgebietsreform wurde die Zahl der Bezirke von 23 auf 12 verringert. Zum 1. Januar 2001 fusionierten die bisherigen Ostbezirke Marzahn und Hellersdorf zum neuen Bezirk Marzahn-Hellersdorf.28

Der Bezirk umfasst seither fünf Ortsteile: Marzahn, Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Hellersdorf. Sie bringen die ganze Spannweite mit, von den mittelalterlichen Dorfangern über Gründerzeitvillen bis zu den Plattenbauquartieren. Diese Mischung prägt bis heute Identität und Lebenshaltungskosten im Bezirk.

Ein Kuriosum aus der Geschichte ist das Gründerzeitmuseum in Mahlsdorf, das Lothar Berfelde, bekannt als Charlotte von Mahlsdorf, in der DDR aufbaute. Es bewahrt eine der größten zusammenhängenden Sammlungen von Gründerzeit-Mobiliar in Europa.29

Ausblick: Gärten der Welt und die nächsten Jahre

2017 rückte der Bezirk noch einmal in den Mittelpunkt. Die Internationale Gartenausstellung IGA 2017 fand in den erweiterten Gärten der Welt statt und brachte Berlins erste Kabinen-Seilbahn, die seither den Kienberg mit dem Park verbindet.30

Heute steht Marzahn-Hellersdorf vor einer neuen Wachstumsphase. Auf freien Flächen und an den Rändern der Großsiedlung entstehen Tausende neuer Wohnungen, das alte Angerdorf Alt-Marzahn bleibt als Denkmal erhalten, und die Gärten der Welt ziehen jährlich Hunderttausende Besucher an.31

Was bleibt, ist der seltene Dreiklang: ein über 700 Jahre altes Dorf, die größte Plattenbausiedlung Europas und ein Park mit Gärten aus aller Welt, alle drei auf engstem Raum. In diesem Nebeneinander liegt die eigentliche Geschichte von Marzahn-Hellersdorf.

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Torsten Noack
Torsten Noack
Freier Journalist

Freiberuflicher Journalist, Jahrgang 1978, aufgewachsen in Hellersdorf. Kennt den Bezirk noch aus DDR-Zeiten und beobachtet seinen Wandel seitdem mit kritischem, aber wohlwollendem Blick.

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