Marzahn-Hellersdorf gilt vielen als der junge Bezirk am östlichen Stadtrand, geprägt von den Plattenbauten der Großsiedlung aus den 1970er und 1980er Jahren. Doch hinter den Hochhäusern liegen die alten Dörfer Marzahn, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Biesdorf, deren Geschichte bis weit vor die DDR zurückreicht. Aus diesem Nebeneinander von Dorfanger und Betonsiedlung sind über die Jahrhunderte bemerkenswerte Lebenswege hervorgegangen.
Die Liste reicht vom Naturforscher, der hier den ersten Zucker aus Rüben gewann, über Maler und Schauspieler bis zu Olympiasiegern und Rappern, die in den Wohntürmen groß geworden sind. Manche wurden in den Dörfern geboren, andere zogen in die neue Siedlung oder verbinden ihren Künstlernamen für immer mit dem Bezirk. Gemeinsam zeigen sie, dass Marzahn-Hellersdorf mehr ist als seine Fassaden.
1. Franz Carl Achard

- Lebensdaten: 1753 bis 1821
- Funktion: Naturforscher und Chemiker
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Erste Zuckergewinnung aus Rüben auf seinem Gut in Kaulsdorf
- Bekannt für: Begründer der Rübenzuckerindustrie
Franz Carl Achard kaufte 1782 das kleine Gut Kaulsdorf vor den Toren Berlins und begann dort mit Versuchen, aus heimischen Pflanzen Zucker zu gewinnen. Aus der Vielzahl seiner Anbauversuche wählte er schließlich die Runkelrübe aus, die er gezielt weiterzüchtete.1
Auf diesen ersten praktischen Versuchen in Kaulsdorf gründet die gesamte europäische Rübenzuckerindustrie. 1801 errichtete Achard in Schlesien die erste funktionierende Rübenzuckerfabrik der Welt, doch der Anfang war im heutigen Marzahn-Hellersdorf gemacht.
2. Eduard von Winterstein

- Lebensdaten: 1871 bis 1961
- Funktion: Film- und Theaterschauspieler
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Wohnte in Biesdorf, Gedenktafel am Hafersteig 38
- Spuren heute: Über 160 Filmrollen, Ehrengrab in Friedrichsfelde
Eduard von Winterstein zählte zu den prägendsten deutschen Charakterdarstellern und stand in über 160 Filmen vor der Kamera, vom Stummfilm bis zur DEFA. Am Deutschen Theater spielte er die Titelrolle in Lessings Nathan rund 400 Mal.2
Seinen Lebensabend verbrachte der gebürtige Wiener in Berlin-Biesdorf. An seinem ehemaligen Wohnhaus am Hafersteig 38 erinnert seit 2011 eine Gedenktafel an den Schauspieler, der wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag starb.
3. Otto Nagel

- Lebensdaten: 1894 bis 1967
- Funktion: Maler des Berliner Arbeitermilieus
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Wohnte und arbeitete ab 1952 in Biesdorf
- Spuren heute: Otto-Nagel-Straße und Otto-Nagel-Gymnasium in Biesdorf
Otto Nagel stammte aus einer Berliner Arbeiterfamilie und wurde als Maler bekannt, der das Leben der einfachen Leute festhielt. Später war er Präsident der Akademie der Künste der DDR und eine zentrale Figur des Kunstbetriebs.3
1952 zog Nagel nach Berlin-Biesdorf, wo er Wohnhaus und Atelier einrichtete. Der Bezirk ehrte ihn mit der Otto-Nagel-Straße, an der sein Haus bis heute steht, und mit dem Otto-Nagel-Gymnasium.
4. Wolfgang Vogel
- Lebensdaten: 1925 bis 2008
- Funktion: Rechtsanwalt und Unterhändler im Kalten Krieg
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Sein Anwaltsbüro lag in der Reiler Straße in Marzahn
- Bekannt für: Agentenaustausch und Freikauf politischer Häftlinge
Wolfgang Vogel war der wohl bekannteste Unterhändler des geteilten Deutschlands. 1962 organisierte er auf der Glienicker Brücke den ersten Agentenaustausch des Kalten Krieges, bei dem der US-Pilot Francis Gary Powers gegen den sowjetischen Oberst Rudolf Abel getauscht wurde.4
Vogel war an der Freilassung von 150 Agenten beteiligt und wirkte am Freikauf zehntausender politischer Häftlinge mit. Seine vielbeachtete Anwaltskanzlei betrieb er in der Reiler Straße in Berlin-Marzahn.
5. Heinz Graffunder
- Lebensdaten: 1926 bis 1994
- Funktion: Architekt und Stadtplaner
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Chefarchitekt der Großsiedlung von 1976 bis 1988
- Spuren heute: Graffunder-Park an der Marchwitzastraße in Marzahn
Heinz Graffunder war einer der bekanntesten Architekten der DDR und plante unter anderem den Palast der Republik. Von 1976 bis 1988 leitete er als Chefarchitekt die städtebauliche Projektierung der neuen Berliner Bezirke Marzahn und Hellersdorf.5
Unter seiner Regie entstand die größte Plattenbau-Großsiedlung der DDR, gegliedert in wenige standardisierte Wohn- und Gebäudetypen. An ihn erinnert seit 2004 der Graffunder-Park an der Marchwitzastraße im Süden Marzahns.
6. Charlotte von Mahlsdorf

- Lebensdaten: 1928 bis 2002
- Funktion: Museumsgründerin und Sammlerin
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Gründete das Gründerzeitmuseum im Gutshaus Mahlsdorf
- Bekannt für: Europas größte zusammenhängende Gründerzeitsammlung
Charlotte von Mahlsdorf, geboren als Lothar Berfelde in Mahlsdorf, rettete das vom Abriss bedrohte Gutshaus und richtete dort ab 1960 ihr Gründerzeitmuseum ein. Über Jahrzehnte trug sie Möbel und Objekte zusammen, bis eine der größten Sammlungen ihrer Art entstand.6
Als offen lebende Transfrau in der DDR wurde sie weit über Berlin hinaus bekannt. Ihr Museum im Gutshaus Mahlsdorf besteht bis heute und macht den Bezirk für Besucher aus ganz Deutschland interessant.
7. Frank Schöbel

- geboren: 1942 in Leipzig
- Funktion: Schlagersänger
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Lebt in Berlin-Mahlsdorf
- Bekannt für: Erfolgreichster Sänger der DDR
Frank Schöbel war der erfolgreichste Sänger der DDR und ist bis heute mit Liedern wie Wie ein Stern präsent. Sein Weihnachtsalbum mit Aurora Lacasa und den gemeinsamen Töchtern wurde mit über zwei Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufte Album der DDR-Musikgeschichte.7
Schöbel lebt seit Jahren in Berlin-Mahlsdorf, wo er ein kleines Tonstudio betreibt und in einer Altherrenmannschaft Fußball spielt. Der Bezirk ist damit das Zuhause eines der bekanntesten ostdeutschen Musiker.
8. Inka Bause

- geboren: 1968 in Leipzig
- Funktion: Sängerin und Fernsehmoderatorin
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Wuchs in Berlin-Biesdorf auf
- Bekannt für: Moderatorin von Bauer sucht Frau
Inka Bause kam Mitte der 1970er Jahre mit ihrer Familie nach Berlin-Biesdorf, wo sie aufwuchs. Ihr Vater Arndt Bause war einer der erfolgreichsten Schlagerkomponisten der DDR, und schon als Jugendliche begann sie ihre eigene Gesangskarriere.8
Einem breiten Publikum ist sie seit 2005 als Moderatorin der RTL-Sendung Bauer sucht Frau bekannt. Ihre Wurzeln im Berliner Osten und speziell in Biesdorf verbinden sie bis heute mit dem Bezirk.
9. Claudia Pechstein

- geboren: 1972 in Berlin-Marzahn
- Funktion: Eisschnellläuferin
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Geboren und aufgewachsen in Marzahn
- Bekannt für: Fünf olympische Goldmedaillen
Claudia Pechstein wurde 1972 in Berlin-Marzahn geboren und wuchs im Bezirk auf. Mit fünf olympischen Goldmedaillen zählt sie zu den erfolgreichsten deutschen Wintersportlern überhaupt und startete bei acht Winterspielen in Folge.9
Über ihre Karriere hinaus wurde sie durch einen langen Rechtsstreit um eine umstrittene Dopingsperre bekannt, gegen die sie über viele Jahre kämpfte. Aus dem Plattenbaubezirk an den Stadtrand kam damit eine der großen Figuren des deutschen Sports.
10. Felix Kramer

- geboren: 1973 in Berlin-Mahlsdorf
- Funktion: Schauspieler
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Geboren in Mahlsdorf
- Bekannt für: Theater- und Fernsehrollen
Felix Kramer wurde 1973 in Berlin-Mahlsdorf als Sohn der Schauspielerin Petra Hinze und des Regisseurs Jurij Kramer geboren. Auf der Bühne spielte er große Rollen des klassischen Repertoires, von Hamlet bis zu Figuren bei Goethe und Horváth.10
Einem breiteren Publikum wurde er durch Film und Fernsehen bekannt, unter anderem in der Krimireihe Der Zürich-Krimi. Sein Geburtsort Mahlsdorf verbindet ihn mit dem östlichen Bezirk.
11. Hagen Stoll

- geboren: 1975 in Ost-Berlin
- Funktion: Musiker und Produzent
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Aus Berlin-Marzahn, früher als Joe Rilla aktiv
- Bekannt für: Mitgründer der Band Haudegen
Hagen Stoll wuchs in Berlin-Marzahn auf, wo er Ende der 1980er Jahre mit Graffiti begann und später unter dem Namen Joe Rilla als Rapper bekannt wurde. Gemeinsam mit Sven Gillert aus demselben Bezirk prägte er den Berliner Straßenrap.11
2010 gründeten die beiden Marzahner die Band Haudegen, mit der sie deutschlandweit erfolgreich wurden. Stolls Lebensweg von der Platte zum Charterfolg ist eng mit dem östlichen Bezirk verbunden.
12. Kay Bernstein

- Lebensdaten: 1980 bis 2024
- Funktion: Fußballfunktionär
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Wuchs ab 1988 in Berlin-Marzahn auf
- Bekannt für: Präsident von Hertha BSC
Kay Bernstein verbrachte seine prägenden Jahre ab 1988 in Berlin-Marzahn, bevor er später ins Berliner Umland zog. Aus der aktiven Fanszene von Hertha BSC kommend, arbeitete er zunächst als Handwerker und im Eventbereich.12
2022 wurde er Präsident von Hertha BSC und galt als Brückenbauer zwischen Verein und Anhängern. Sein früher Tod im Januar 2024 löste in ganz Berlin große Anteilnahme aus.
13. Robert Huth

- geboren: 1984 in Berlin-Biesdorf
- Funktion: Fußballprofi
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Geboren in Biesdorf, erster Verein VfB Fortuna Biesdorf
- Bekannt für: Englischer Meister mit Leicester City 2016
Robert Huth wurde 1984 in Berlin-Biesdorf geboren und begann seine Fußballlaufbahn beim ortsansässigen VfB Fortuna Biesdorf, bevor er mit 14 Jahren zu Union Berlin wechselte. Seine gesamte Profikarriere bestritt er anschließend in England.13
2016 gewann er mit Leicester City überraschend die englische Meisterschaft. Huth gilt als der einzige deutsche Nationalspieler, der nie ein Bundesligaspiel bestritt, und sein Weg begann auf den Plätzen von Biesdorf.
14. Fargo
- geboren: 1988 in Berlin-Marzahn
- Funktion: Rapper und Sänger
- Marzahn-Hellersdorf-Bezug: Geboren in Berlin-Marzahn
- Bekannt für: Früher Frontmann von The Love Bülow
Fargo, mit bürgerlichem Namen Falk-Arne Goßler, wurde 1988 in Berlin-Marzahn geboren. Bekannt wurde er zunächst als Frontmann der Pop-Rap-Band The Love Bülow, die er über mehrere Jahre anführte.14
Nach der Auflösung der Band 2015 widmete er sich seinem Soloprojekt Fargo, in dem er Rap und Pop verbindet. Damit reiht er sich in die Riege der Musiker ein, die aus dem östlichen Plattenbaubezirk stammen.
Ausblick
So unterschiedlich diese Lebensläufe sind, sie teilen einen gemeinsamen Nenner: den östlichen Rand Berlins, an dem Dorf und Großsiedlung aufeinandertreffen. Der eine erforschte hier die Zuckerrübe, der andere baute eine ganze Stadt aus Beton, wieder andere holten Medaillen oder füllten Konzerthallen.
Wer durch Marzahn-Hellersdorf geht, begegnet ihren Spuren bis heute: in Straßennamen, in einem Museum im alten Gutshaus, in Schulen und Vereinen. Der Bezirk ist jünger als seine Nachbarn, aber seine Geschichten reichen weiter zurück, als die Hochhäuser vermuten lassen.